• Lebenslang

    wir redeten über dies und das
    Worte flossen wie das Wasser
    unsere Herzen waren das Flussbett
    wie der Frühling, warmer Sommer, wie Purpur
    wir fielen aus sieben Farben einer Liebe hin

    meine Einsamkeit, ist ein schwarzer Ärger
    ich bin in der Mitte einer gelben Melancholie
    überall ist es leer, wo ich hinsehe
    unsere paar Zeilen Versgeschichte
    brennen in meinen Händen

    als wären wir in einem verzweifelten Traum
    wir lieben uns
    in der Mitte eines romantischen Filmes
    deine Stirn ist verwundet
    ich bin im Herzen verletzt
    wie erschossen in einem brutalen Krieg
    in weichsten Stellen deines Fleisches wachsen Dornen
    und mein Körper
    von Kopf bis zu Fuss, ist eine rote Tulpe

    ich bin wie ein Schiff im Ozean, ohne Ruder
    Sturm bricht mir das Herz
    meine Brust ist das Deck, mein Gesicht die Insel
    Zahnwunde, Sprachwunde, Handwunde
    unerbittliche Wehen
    ein tiefer Schmerz

    haltet mich an den Händen
    mir ist schwindlig

    du bist ein melancholisches Lied
    dein Blick ist ein nasses Bild
    bunte Frauensilhouetten
    ihre Haare, ihr nacktes Fleisch
    und ihre Beine, ihre Oberschenkel
    die sind alle weg
    dein Bett ist jetzt eine kalte Gefängniszelle
    und du bist der Kettenhäftling
    lebenslang
    ganz allein

    du wartest
    der Tod ist eine absolute Wahrheit
    der Tod wird sicher eines Tages kommen
    das Leben ist unser Schicksal
    weine nicht
    Liebe heisst keine Angst zu haben
    Liebe ist der Mut...

  • Simurgh

    Simurgh

    König der Vögel
    gib mir ein Schluck Himmel
    es ist überall dunkel
    meine Augen schliessen sich
    es gibt kein Diener des Gottes in den Strassen
    mein Herz ist ganz leer
    kein Regentropfen in meiner Hand
    weder warme Sonne auf meinem Kopf
    alle Vögel sind geflogen
    die Wolken gingen weg
    die Erde und der Himmel sind vollkommen leer

    Simurgh
    fliege nicht zu hoch
    tauche nicht in den Träumen
    ich schreibe dir Gedichte
    mit meinem krummen Bleistift
    auf weisses Blatt
    die Entfernung ist gross
    verletzend
    den Kopfschüssel
    Tote gehen durch die Mitte meiner Stirn
    dieses Herz hier
    in meinem Brustgefäss
    ist nicht aus Hand voller Kieselsteine
    doch mein Gesicht
    ähnelt sich zur Zeit nur mir
    ich werde bis zur Dämmerung
    bis die sonne in deine Augen strahlt
    dir und dem Mond anschauen
    und werde dein Gesicht in meinem Versteck bewahren

    die Reiter des Abends stiessen der Dunkelheit
    zünd eine Kerze an, wärme mein Herz
    inhaftiere die Nacht nicht ins Trauer
    komm, heb meine Hand
    bringe mich in meine Kindheit
    in meiner Erinnerung liegt eine grosse Stadt
    auf keinem Meer passen die Möwen so schön

    Istanbul
    halte deine Arme nicht leer
    trag über deinen Kopf liebevolle Wolken
    wenn der Abstand Traurigkeit heisst
    dann mein Name ist der Herbst
    in meinem Sinn blieb nur die Liebe

    ich weiss
    der Tod kommt mit dem Schnee
    rieche die Blumen Simurgh
    dieses Grün bleibt nicht bis zum Frühling
    dieses Gelb, dieses Rot
    und diese Orange Stille

    ich habe Mai gesehen
    tote Mohnblumen
    böse Männer
    die aus Märchenseiten raus kamen
    Mörder, mit blutigen Händen
    den Kampf, den ich wie verrückt mochte
    jetzt kennt mein Herz kein Schmerzen mehr

    ich schmelze Steine im Herzen
    wie weisse Getreide
    ich bin wie ein Ast mit voller Oliven
    die Welt ist Frieden und Liebeshungrig
    die bunte Menschengesichter
    und die Kinder
    mit Rosa farbigen Händen
    alle Kinder der Welt
    singen sie ein Lied Simurgh?
    es sausen mir die Ohren...

    Simurgh, Märchenvogel
    ein Fabelwesen in der persischen Mythologie

  • Odysseus

    Du Odysseus
    komm wieder zu mir
    mit deiner nach Wasser riechenden Haut
    und mit deinem grossen Leib
    Fülle den Abend ins Grüne deiner Augen
    mit deinem lächelnden Gesicht
    und deinen warmen Händen

    komm wieder zu mir
    aus deinen Wimpern
    Rosentropfen giessend
    sammle die Farben der Nacht ins Herzen
    fliessend wie die Flut des Lichtes
    schreibe die Liebe in der Zeit

    du bist der Beste
    komm wieder zu mir
    mit den schönsten Träumen
    mit der Feuchtigkeit des Regens
    und mit dem Räuschen des Windes

    du bist der Beste
    ich lehne ab
    auch wenn man mir
    grosse Länder schenken würde

    du Odysseus
    komm wieder zu mir
    decke deinen Schatten auf mich
    zitternd
    berühre meine Haut
    wie der Herzschlag eines Kindes
    mit begeisterten
    und funkelnden Augen

    komm wieder zu mir
    küss vom Herzen den Morgen
    mich auf die Lippen
    Sternschnuppen sollen
    unsere Seele füllen
    bald wird die Milchstrasse
    auf meine Brust fallen
    schneeweiss
    wie die Milch
    erfrischend und angenehm....

  • Stille

    ich schweige
    wie ein einsamer Berg
    alle Stadtplätze schweigen
    die Menschen und die Sterne
    die Schmetterlinge
    und die Vögel
    die Äste, die Blätter
    die Wälder schweigen

    seitdem du gingst
    wie ein melancholisches Bild
    an meiner Wand
    hängt dein Gesicht
    die Erde und der Himmel schweigen
    die Sonne und der Mond
    alle Sternen
    schweigen nur

    es fiel aus meinem Herzen
    das Türkisblau
    wie zwei Abgründe
    zwei tieffe Löcher
    unbestritten
    und ohne Fragen
    deine Augen schweigen auch

    Du
    halte jetzt in deiner Hand
    endlos meine Stimme...

  • Nur mit Dir

    Liebster
    was ich dir sagen will:
    die einfache Liebe passt mir nicht

    Lieben ist wie hohe Türme bauen
    mit Stolz
    wie das Leuchten aller Straßen der Stadt
    wie Fackelzüge, Paraden, Feuerwerksraketen
    wie sich an einem Tempel wenden
    glauben und beten zum Beispiel

    wenn man liebt
    zittert dein Herz wie ein Babyspatz unter der linken Brust
    du lächelst zu den Menschen
    und willst die Haare aller Kinder streicheln
    für alle tote Worte ein tiefes Grab graben
    und alle Sätze wie Rosen frisch bewahren

    du kannst auch weinen, so wie du lachen kannst
    Weinen und Lachen werden ein Teil des Herzens
    doch du lässt die Tränen nicht auf Boden fallen
    sondern sammelst sie in der Hand
    weil du das Gefühl hast, wenn ein Tropfen auf den Boden fällt
    wird er zerbrechen oder austrocknen
    doch das Herz weiß, dass es sie bewahren muss

    nicht für die schlechten Tage und Abschiede
    sondern, weil du sie in den Tränensäcken
    nur für den Geliebten sammelst
    kannst du sie nicht fallen lassen

    es gibt keine Liebe ohne Leiden
    wie die Geburt ohne Schmerz unmöglich ist
    wird der Kummer ein Teil der Liebe

    das Lieben ist ein Teil des Lebens
    und ich liebe das Leben
    wie ein Schmetterling
    das Lachen aus ganzem Herzen

    jetzt nur mit Dir ...

  • Das Glück

    was interessieren mich
    die auf mein Herz gedrückten
    Fußspuren der Vergangenheit
    die vergangene Liebe
    die meine Grüne zertrat
    oder mir die Haut abriss
    und mich ganz nackt hinterließ

    oder kümmere ich mich
    um die ehemalige Geliebten
    die bereuten und unsere Geschichte löschten
    ich hebe zur Zeit die Hand einer neuen Liebe
    fein und warmherzig
    was kratzt mich das
    auch wenn es jeden Tag regnet
    mir die Haare nass macht
    und es mir Mitte Juli kalt wird

    fröhlich und lachend
    gehe ich raus durch die Straßen
    mit den schönsten Liedern im Mund, die nie alt werden
    meine Augen werden durch das Glück geblendet
    Flüsse fließen in meinem Herz
    auf dem Hochwasser schwimmt klares Lächeln
    und das Leben
    bietet mir einen neuen Anfang

    und sagt
    trink du Verdammte
    und werde völlig besoffen davon
    das Lieben passt dir so gut
    wie dem Teufel

    und ich, frisch Verliebte
    tanze jeden Morgen mit dem Tageslicht
    es blühen die Worte auf meiner Zunge
    ich befreie mein Herz von seiner Hornhaut
    und zerreiße es in der Mitte
    dann wie geträumt
    strecke ich mich in die Wiese
    glücklich und hoffnungsvoll
    die Vögel pfeifen
    und ich singe

    seht
    ich lebe doch ...

  • Wie das Wasser

    ich biete dir rosenfarbene Küsse
    bin wie ein Feuer
    das zwischen den Lippen brennt
    und du bist der Wein
    der auf meiner Zunge nach Liebe schmeckt

    das Glück liegt neben mir
    meine Hände duften nach Flieder
    wenn ich es anrühre
    über uns ballen sich Wolken und Regen

    komm
    lass uns zusammen die Nässe fühlen
    wie Tulpen, die nebeneinander stehen -
    du bist die Gelbe und ich bin die Rote

    komm
    lass uns singen
    die Worte mehren
    und Stimmen wie Wasser fliessen
    Herzen sollen uns Liebe weben
    wie Seidenspinner

    spürst du
    das Grün, das über der Stadt niedersinkt
    die blaue Blume, die goldene Biene
    Schmetterlinge, die zwischen den Blüten fliegen
    die Tauben und Spatzen
    den Duft von Lindenblüten

    es ist Sommer, hundertprozent

    schau nur
    wir schwitzen
    ich misch mich mit dir und du dich mit mir
    wie das Wasser der Flüsse
    die Liebe wird Quell unserer Herzen

  • Istanbulschmerz

    der Brennpunkt meiner Schwermut und Sehnsucht
    auf deinen Plätzen ich mein Kinderherz verlor
    in meinen Hände liegt Hoffnung
    meine Schultern tragen die Ehre
    dass ich auf deinen Strassen lief
    und an deinem Strand tobte
    der Icmeler Brunnen, an dessen Ecke ich meinen ersten Kuss erlebte
    die Zypresse in Yakacık
    in deren Schatten ich nach den Wolken griff
    mit meinem Geliebten
    ach! es ist fern, es ist mir Istanbul verboten

    dein Regen, deine Sonne
    deine Fabriken und die Streiks
    deine Züge
    in deinen Zügen am Abend die Rückkehr von der Arbeit: müde Gesichter
    in den müden Gesichtern Spuren von Schmerz
    die Liebespaare, die sich in der Bäckerei an der Ecke heimlich trafen
    harmlose Schwermut, beschmutzte Liebe
    die Körper, die gekauft und verkauft werden
    die Leute, die Fleisch fressen und Blut trinken

    deine Strassen
    auf deinen Strassen Müllberge
    und die sich aneinander stoßenden über Nacht gebauten Häuser
    die Kinder in diesen Häusern
    ihre Hände und Gesichter schmutzig
    und ihre strahlenden Augen
    die hungrigen Kinder
    die Schuhputzer-Kinder
    die Kringel verkaufenden Kinder
    die spritsüchtigen Kinder
    unsere Kinder

    deine engen Strassen
    die auf den Strassen grünäugig unter schwarzen Augenbrauen
    Blumen verkaufenden Zigeunermädchen
    ihre Blicke reißen Wunden in mein Herz
    jede ist ein Herzstück
    jede ist mir gut
    ach! es ist fern, es ist mir Istanbul verboten

    die Schifffahrt zwischen Haydarpaşa und Karaköy
    auf Deck des Schiffes einen warmen Tee trinken
    am kühlen Abend
    Hand in Hand mit dem Geliebten
    am Strand Kartal und Pendik
    bis Mitternacht spazieren
    und todmüde sein
    auch unter großen Qualen
    ein kleines Glück finden
    Hoffnung finden
    ach! es ist fern, es ist mir Istanbul verboten
    - in dir und mit dir sein können

    Istanbul
    ach, Istanbul
    deine Gefängnisse
    und die Ausharrenden in den Gefängnissen
    die Brust an Brust Liegenden
    die Gebranntmarkten
    die Mütter, deren Herzen bluten
    deine Plätze
    die auf deinen Plätzen geschäftigen Angestellten
    deine Strassen
    die auf deinen Strassen Erschossenen
    die ohne Befragung und ohne Urteil Eingekerkerten
    die von unbekannten Tätern Umgebrachten

    die Dichter, die Autoren, die Leser und Leserinnen
    die Schulen, die Schulbänke, die Lehrpulte
    die Ausbeuter von Stirnschweiß
    die Verkäufer der Ehre
    die ewigen Gewinner
    die Erschossenen
    und Gefallenen

    Istanbul, es ist kein Traum, ohne dich zu sein
    meine Sehnsucht ist kein Traum von dir
    die Dichter bekamen nicht genug von dir
    ich auch nicht

    „am Sisliplatz sind drei Mädchen
    eine heisst Cigdem, eine Nergiz“
    und beide waren deine Töchter
    ich bin auch deine Tochter
    es war dein Sohn, der am Beyazitplatz fiel
    alle waren deine Söhne
    deine Töchter
    alle die auf deinen Plätzen erschossen wurden
    die im Kugelhagel starben

    du, Kampfstadt
    Widerstandsstadt
    Liebesstadt
    du sahst Verrate
    du warst beschämt...
    du brachtest es nie zur Schande
    du hast Jahrhunderte keinen verraten
    dir wurde Verrat angetan
    deine sieben Hügel weinten Blut
    sie erschossen dich siebzigmal von siebzig verschiedenen Orten

    seit Jahren bin ich in der Verbannung
    für dich blutete ich an tausend Orten
    und ich wurde in tausend Teile zerstückelt
    meine schmerzende Herzwunde
    ist eine Geschichtsblutung
    in meiner linken Brust ist der Istanbulschmerz...

    2001 Basel

  • MEINE IDENTITÄT IST MEINE LIEBE

    Das glühende Herz vom Kerem steht in flammen,
    seine Asche schleudert in den Himmel.
    Aslis Haare geraten in Brand.
    Lassen wir Ferhat das Gebirge weiter bohren.
    Ihr Lippen sind getrocknet und durstig.
    Sirin zieht das schwarze Kleid an/ sie ist in Trauer.
    Unter schweren Soldatenschuhen wird die Erde rissig.
    Liebe in Muttersprache ist verboten.
    Mem und Zin fallen fürs Vaterland.
    Lebensliebe, Liebeswunde habe ich als Erbe übernommen.
    Erkenne mich an meinem Herzen.

    Die Ehre wurde zur Versteigerung gebracht.
    Der Verrat steigt knie hoch auf.
    Zwischen zwei Beinen ist Jammergeschrei.
    Es gibt keine Wage dafür, offensichtlich,
    die Liebe ist für den Handel angeboten.
    Erkenne mich an meiner Ehre.

    Meine Langhalslaute schweigt in Sivas,
    die Bass-Saite wird angezündet, die Lieder geraten in flammen.
    Ich bin Mutter... Meine weisse Milch ist Koray...
    Mein Akarsu, mein Sulari strömt nicht,
    wer kann meinem Hasret widerstehen.
    Erkenne mich an meinem Aschen.

    Die Räderwerke bewegen sich einander.
    Vervielfachen wir uns zehn Mal.
    Der Schweiss des Angesichts, der Wein, die Arbeit wurden geplündert.
    Ausser unserer Ketten heben wir kein anderes Kapital.
    Die Fäuste werden geballt, die Schalter werden zugedreht.
    Schulter an Schulter wird Halay getanzt.
    Die Stirn ist weiss, die Hände voller Schwielen.
    Erkenne mich an meiner Hände.

    Die Tapferkeit gehört zu uns.
    Der Aufstand dauert seit Spartakus.
    Durch dunkle Geschichten kommen wir durch.
    Unsere brennenden Fackeln sind Lichter für Morgen.
    Unser Horizont ist rot beschmiert.
    Die Hoffnung ist in die goldene Zeit verliebt.
    Erkenne mich an meinen Idealen.

    Die Plätze sind den Menschen nicht geheuer.
    Die Menschenmasse ist schweigsam und ruhig,
    das ist die Ruhe vor dem Gewitter.
    Die Schreie sind heiser en den endlosen Brunnen.
    Die Blicke sind scharf.
    Erkenne mich an meinen Augen.

    Die Augen sind verbunden, die Händen sind von Hinten gefesselt.
    Die Kette hinterlässt am Handgelenk Spuren wie eine Blume.
    Die Freiheit wird an die schwarzen Wände mit Blut geschrieben.
    Eine Handvoll Stirnlocken, so schwarz wie die Nacht,
    wird lebendig von der Kopfhaut abgezogen.
    Erkenne mich an meinem Widerstand.

    Jäger folgen den Spuren.
    Die rebellischen Kränzen wachsen auf den Bergspitzen.
    Die Schneeglöckchen werden ausgerissen.
    Die schwarzen Hände drücken auf den Knopf,
    und die Körper werden auf Plätze gelegt.
    Von mir fliesst kein tropfen Blut,
    meine Wunden streuen Apfelsafran aus.
    Meine Leiche ist prächtig und stolz.
    Erkenne mich an meiner Leiche.

    Die Galgen sind aufgestellt, am Ende des Seils sind Gartennelken,
    sie hängen uns von unseren Träumen.
    Vernehmungs und gerichtslose Vollstreckungen.
    Unsere Namen werden als Attentate von unbekannten betitelt.
    Tausende verlorene Gräber,
    der Tod kommt verräterisch.
    Wir werden ohne Zeremonie und ohne Leichentuch beerdigt.
    Erkenne mich an meiner Erde.

    Das ist der Zeit, in der das Rad weiter dreht.
    Die Ratssitzung wird einberufen, das Wort wird unser Wort sein.
    Unsere Lieder kommen in den Himmel.
    Erkenne mich an meiner Stimme.

  • Das Lehnen an die Leiden

    du, Lebenskraft meiner Seele, komm hierher
    komm! setzt dich neben mir
    lehne deine Schulter an meine Leiden
    wenn wir ha sagen, wird das Herz ins Ströme geraten
    wir haben Wörter gesammelt
    das Schweigen ist jetzt der Ozean

    man hat unsere Nabelbinde mit dem Stein geschnitten
    mit dem Schnur gebunden
    unser Blut fliesst in den gleichen Adern
    ihr Urteil ist der Augenzeuge, die Geschichte weisst es
    die Kugel, die in unsere Wunden gesteckt sind
    ist der Schmutz von gleichen Händen
    es ist bei Jedem offensichtlich
    wir sind mit dem Kampf erwachsen
    wir wurden in den Händen von Widerstand gespannt
    und mit der Liebe wurden wir fein und zierlich gestrickt
    unser Erweisen ist an den Freunden
    lass uns verheimlichen, was wir alles erlebt haben

    ich habe dir einen Tisch gedeckt
    teile mit mir die letzte Olive
    ich habe dir auch noch einen Tee gekocht
    Schluck für Schluck ziehe dir Liebe ins Herz
    danach zünde dir deine Zigarette an
    lass in ihr Feuer unsere Zunge brennen
    und Rauch zu Rauch küssen
    unser Sehnsuchtswunden und Geschrei
    das ganze ist eine Hand voller Liebe
    ein Atemzug ist unsere gebrochene Stimme

    du weisst es
    wir vergessen niemals die schmerzhaften Wörter
    auf unseren Rücken wurden so viele gerostete Messer gesteckt
    wir wurden so viele male ausplündert
    und in den Zerstörungstrümmern geraten
    unser Schlafen wurde tausend mal gestört
    doch wir haben selber die Herzwunden von unseren Freunden geheilt
    wir haben sie nie den fremden Händen gelassen

    man sagt
    dass die Liebe gemeinsame Lieder von Menschheit ist
    in jeder Sprache die gleiche Melodie
    aber
    doch das Freiheitslied
    in der Muttersprache
    ist ein schussbereiter Gewehr...

  • Es ist drei Uhr

    Ich denke an deine Stadt, deine Wohnung
    und dein Kissen.
    Ich denke an dich... Aber mehr an deine
    Freiheit, die du dich in dir mit Sieg festhaltest.
    Du weißt ja von dem Blau am himmel. Auch
    von der Liebe. Und vom Laufen im Schnee.
    Ich habe den kalten Schmerz an der Spitze
    deiner Finger vermisst.
    Du läufst ja wie ein Dichter, der seine
    Hände in die Hosentaschen steckt und seine
    Gedanken im Gehirnsellen zum Krieg geführt
    hat. Mit stolzem Kopf. Ich vermisse deinen Blick
    zu dem Mädchen, dass das am Ufer des Flusses
    Mit der Lieder und Gitarrenbegleitung ihren
    geliebten Mann tanzt.
    Ich habe auch deine Augen vermisst. Es geht
    mir nicht rechten Dingen zu. Es gibt in mir etwas,
    was ich nicht verdauen kann. Ich weiss es aber
    auch nicht aus welchen Gründen, dass ich sie auf
    meinen Aufstand nicht annehmen kann.
    Ich denke an dich... Die Liebe ist marxistisch.
    Sie ist ein Aufstand, der alle seine Rechte für sich
    behalten will. Nämlich eine Tat. Ich sage dir doch,
    lass den Verrückten auf den Pläzen, der in dir lebt.
    Egal, ob die Jahreszeit Winter oder Sommer ist.
    Wärme deine innerliche Kälte mit der Liebe und
    mit den Frühlingsträumen.
    Ich denke an dich... Die Welt ist ein Blutmeer.
    Aber nicht ein Finsternis. Es gibt immer strahlende
    Liebe, die die Erde und die Luft zusammen mischt
    und an allen Blumen die Farbe gibt. Auch den
    Baum dem Wald schenkt. Die Welt ist nicht im
    Finsternis.
    Ich denke an dich... Ist es Nacht geworden?
    Es ist genau drei Uhr. Dein Stirn ist so klar und
    fröhlich. Schau mal die Sterne an. Sie strahlen
    immer. Wie das Liebeslicht.
    Du bist heute Nacht in meinen Träumen
    wie ein Reh am Wasserufer. Sag mir, haben
    deine Berge Schnee, die an denen du dich lehnst?
    In mir legt eine seltsame Liebesküste. Du gehst
    mir wie die Regenwolke durch den Sinn.
    Ich denke an dich meinen blauen Veilchen.
    Ich bin wie ein gelbes Blat im Herbst und in
    deine Erde deportiert. Meine Heimat ist erobert.
    Ich bin der Sieg der verlorene Liebe.
    Ich denke an dich... Du bist der seltsame Sohn
    eines fremden Landes. So wankelmütig, wie ein
    unlösbare Rätsel. So voll sind deine Augen.
    Plötzlich leeren sie sich in meine Hände.
    Hast du niemals gesungen? Wurden deine
    Hände nie gefesselt? Hat man dir nie die Augen
    gebunden und deine Haut nie verbrannt? Hattest
    du die Bilder deiner geliebeten Freiheit, die dich
    in dir besiegt hat niemals an die Wände gemallt?
    Ich denke an dich geliebte Fremder... Die
    Liebe kann nicht wie ein Apfel von einem Baum
    aus dem Herz abgrissen werden...

    30. 11. 2005

  • Abendgenuss

    -Willkommen-

    Sonnenuntergang
    ein lauwarmer Abend
    du und ich
    und der Fluss
    die Stadt und der Himmel

    Zwischen den Wolken herrscht Halbmond
    schön wie deine Brauen
    und dein dunstiger Blick
    die hellbraune Farbe deinen Augen

    Liebe, Plage meines Kopfes
    Du
    fließ durch meinen Adern
    wie das Blut
    lehn dein Gesicht an meines

    Es gibt auf der Welt
    den Tod ...

  • Du warst nicht da

    ich wollte dir blauen Wolken zeigen
    die sich tief in die Kälte der Nacht zogen
    woher sollten die Menschen sonst wissen
    wie Glühwürmer frieren

    deine Hände waren auch nicht da

    ich wählte zwei Farben aus deinen Augen
    die eine war der Himmel und die andere das Meer
    wenn ich meine Hände streckte und eine berührte
    brannten meine Finger an Sternenfeuer
    in der anderen blutete mein Herz

    zum Mondlichttrinken
    öffnete ich das Fenster und schaute in die Nacht
    vor der Laterne lag ein Hund
    und träumte
    die Straßenbahnen zeichneten
    kreischend ein Kreuz auf den Platz
    der Hund hing am Himmel und starb

    ich sang stimmlos ein Lied
    und ein paar Verse streckten sich
    in die Wunden, die Gitarren schlugen
    die Schatten
    die durch die Straßen liefen
    wurden immer größer und größer
    als wären sie aus einem Märchen entflohen

    auf der anderen Seite der Straße
    schaute eine Frau aus dem Fenster
    begrüsste mich mit einem Kopfnicken
    und schloss das Fenster
    sie nagelte einen nackten Mann an die Wand
    sein Gesicht war blau und seine Augen waren schwarz
    sie träumte von Liebe
    die ihr in einem Kristallglas geboten wurde

    und ich genoss
    die Sehnsucht die in mir wuchs

    ich war total betrunken ...

  • Antwort

    deine Augen sind jetzt
    getrübt von Überschwemmungen
    im Frühling
    die Flüsse fließen heute nicht klar
    bedeutungslos sind deine Worte

    und du sagst mir:
    ich habe dich immer noch gern wie zuvor

    Fremder,
    ich verbrenne die Berge in mir

    liebtest du jemals eine Frau
    so wie du deine Heimat liebst?

    aber ich
    träumte mit dir gemeinsam von Istanbul
    und ich liebte dich sehr ...
    so wie ich mein Istanbul liebe

  • Bestandsaufnahme

    vom Ort
    wo deine Augen in meine Augen schauten
    tropften die Tränen in meine Handfläche
    die Sterne leuchteten auf meinen Fingerspitzen
    doch vergeblich füllte das Mondlicht mein Zimmer
    der Platz deines Kopfes auf meinem Kissen ist leer
    jetzt bin ich ein Nichts
    dein Fernsein tut meiner Seele weh

    übrigens
    es hat sich gar nichts geändert hier
    es wachsen immer noch die Blumen auf meinem Balkon
    (es gibt jetzt ein Wiesenveilchen dazu)

    in diesem Frühling
    wuchs der Tannensprössling ein paar Zentimeter weiter
    den ich von unserem langen Winterspaziergang
    aus dem Wald brachte
    „wenn unsere Liebe zu Ende geht,
    wird dieser Sprössling austrocknen“, sagten wir

    nachdem du gingst, bin ich einsam
    wie eine Tote
    alleine laufe ich am Ufer des Flusses
    alleine schreite ich durch die Strassen dieser Stadt
    ich höre deine Stimme hinter meinen Fußspuren
    die du in meinen Ohren vergessen hattest

    wenn ich an der Peterskirche vorbeigehe
    schreie ich den verdammten Verrat in Gottes Angesicht
    alles ist wie früher
    und ich liebe es wie immer
    die Menschengesichter, die Prellsteine
    die Tauben und die Wildenten
    die Kneipe, die du so mochtest
    und die mich zum Weinen bringt
    wenn ich an ihr vorübergehe
    und noch den Rotwein rieche ...

  • Schwur

    und du gabst auf
    die Liebe rutschte glitzernd
    wie ein Kristallkugel
    von meinen Fingerspitzen
    und der Frühling starb an Kummer

    jetzt wische ich dein Gesicht
    mit einem Bund Wiesenblumen
    aus meinen Augen
    der Wind wird stärker und stärker
    bald wird es einen Wolkenbruch geben
    die Hoffnung fiel auch
    wie ein durchsichtiger Baum
    auf den Boden

    du wirst nicht mehr zurück kommen
    ich würde doch blind sein
    damit die Flüsse nicht austrocknen

    ich weiss
    der Frühling kommt wieder
    und ich schwöre es dir
    noch ein mal
    ich werde nie sterben
    bis ich mich tot verliebe....

  • Heute

    der Mann
    nahm das Geschrei meines Herzens
    in seine Handfläche und
    mischte es mit seinen klaren Worten zusammen
    mit dem Mund voller Lachen
    flogen die Schmetterlinge
    rechts und links über meinen Kopf herum

    ich war heute ein Schmetterling
    in einem Tropfen Zuckerwasser

    unsterblich war die Liebe
    und ich
    versteckte heute noch einmal
    in meinem kurzen Leben
    die alten Verletzungen tief in mir
    und mehrte mein Glück mit ein paar Versen

    dann hielt der Mann meine Hand
    küsste mich
    zwischen meinen Augenbrauen auf die Stirn
    mischte meine Stimme mit den Blumen
    und mit den Liedern von Vögeln
    trug mich noch ein paar Schritte vorwärts
    es wurde mir
    noch eine Wunde im Herzen geheilt...

  • Stumm

    Stumm

    "es kribbelt im Bauch bei mir
    und das nur wegen dir

    lass mich mit dir
    auf Türme steigen
    durch Wälder gehen
    dem Wasser lauschen
    und dich lieb haben"

    sagte der Mann
    und die Frau hat geschwiegen.

  • Für Dich

    Du
    Licht des Tages

    komm her zu mir
    setz dich doch neben mich
    an meine linke Seite

    tupf dieses Grün hier
    auf die Schatten der Vergangenheit
    auf den Platz vom weggegangenen
    und in mein verletztes Herz

    komm her zu mir und
    setze dich
    an meine linke Seite

    Du
    das Licht
    meines Tages
    herzlich wilkommen
    in meinem Leben...

  • Geburt

    Geburt

    Liebe, gebäre mich neu
    noch einmal
    so wie du kannst
    so wie ich bin

    die Nacht ist tief
    die Nacht ist still
    es tropft Blut von ihren Lippen
    ganz schwarz
    ihre Augen sind zwei tiefe Löcher
    die Nacht sticht wie ein Messer
    in meine Brust

    draussen fährt laut die Strassenbahn
    vor mir steht ein alter Tisch
    ein Bein wackelt
    darauf drei Bücher
    und ein paar Blattpapier
    die Dämmerungsfee singt vor meinem Fenster
    ihre letzten Lieder
    und an der Wand hängt der Liebeskummer
    dessen Namen ich auf meinem Stirn schrieb

    Liebe, gebäre mich neu
    ich wurde in dieser Nacht exkommuniziert
    mein Herz brennt wie die Hölle
    es ist ein rebellischers Lästermaul
    es gibt keine Ruhe
    mir gegenüber sitzt der Teufel
    in seiner Hand sind die Gebetsketten
    insgesamt einunddreissig Glasperlen
    er zählt sie geduldig

    -schlaf gut mein Engel, schlaf gut-

    Liebe, gebäre mich neu
    meine Lippen und Zunge schmecken nach Wein
    der Geliebte ist schon lange fort
    es geht mir nicht gut
    mein Horizont sind zwei Linien
    zwei Richtungen
    quer über die Welt

    Liebe, gebäre mich neu
    bevor ich mich verrecke
    bevor die Zeit zu Ende geht...

  • Gib dir eine Chance

    Du kamst mit dem Sturm
    und dem Regen,
    und fielst auf die Erde,
    Frau,
    du hobst Feuer
    mit den Fingerspitzen,
    sanft
    wie eine Rose,
    ohne Jammern und Beschwerden.

    Und du hast dich
    dreissig Tage und Nächte lang,
    zwischen Morgen - und Abenddämmerung,
    zum Hungerstreik gelegt,
    erlebtest viel Schlimmeres als jetzt

    und wurdest
    fünfundvierzig Tage
    fünfundvierzig Nächte gefoltert,
    ohne einen einzigen zu nennen,
    ohne zu jammern, ohne Verrat,
    Frau,
    du hast widerstanden!

    Gib dir jetzt eine Chance,
    reiss dir das Herz aus deiner Brust und
    wirf es zu Boden,
    tritt mit den Füssen darüber
    und drehe niemals den Kopf,
    um nach hinten zu schauen.

    Geh immer weiter!
    Vorn ...

  • Nach dem Du gingst

    Schatz wach auf
    bald wird das Herz des Mondlichts
    sich anhalten
    nachdem Du gingst
    deckten hier die Toten einen Esstisch
    und unterhielten sich
    unter meinem Kissen rissen sie meinen Beinamen ab
    und aus dem löschten sie meinen Namen
    aus meinem Kopfende liessen sie die Sterne fallen
    und wirbelten sie die wie Schmetterlinge auf

    wach auf Schatz
    entzündeten sich auch die Atemzüge von Bergen und Felsen
    doch ich war verliebt in das Fliessen von Flüssen
    wir lebten mit dir
    hundert Jahre lang in ihrem Delta
    auf einer Seite von uns war das Meer
    auf der anderen Seite der Wald
    die Schatten unserer Köpfe
    waren erlengrün
    wir sangen
    es weinten die Eichen
    der Wind der unsere Köpfe streichelte
    roch nach Veilchen
    wir gingen in die Ferne
    auf dem Rücken trugen wir unsere Geschichte
    in unseren Augen floss ein türkisblauer Fluss

    doch das war nicht alles
    das Gefallen unserer inneren Berge
    das war nicht alles
    die Träne unserer Augen
    wir wurden zum Donner
    als unsere Lippen uns Küsse baten
    waren wir wie Schneeglöckchen
    als wir unter weisser Decke schliefen
    klammerten sich unsere Wurzeln
    unter der Erde
    und liebten sich dort ...

  • Das klare Grün

    Das klare Grün

    Wiesenwasser floss klar
    am Rand entlang
    Im Grünen lief ich
    nur mein Schatten fiel auf den Rasen
    verletzt wie ein Hund
    der von seinem Jäger die Kugel bekam
    lag auf der Wiese
    als hätte ich ihn
    unter meine Füße genommen
    und wie ein Insekt zerdrückt
    und alle Seiten des Trübseligen
    zerrissen und weggeworfen

    In dem Wasser spielten bunte Fische
    doch mir wurde der Kragen abgerissen
    und verbrannt die Berge in meinem Herzen
    Zappelnd starben in mir die Märchen
    mir wurde die Haut im Ganzen abgeschält
    Die groben Finger des bösen Riesen
    griffen an meinem Leib herum
    verschimmelt
    das blaue Salz an meinen Händen

    Vor kurzem noch
    rochen meine Hände nach Erde
    wie die Wiesenblumen
    pflückte ich die Dolden des Abendlichts
    trug sie an auf meinem Kopfe als Krone
    vor kurzem
    flüsterten die Paradiesvögel
    frohe Botschaften in meine Ohren
    die schönsten Liebeslieder waren auf meiner Zunge
    vor kurzem
    waren alle Zeiten angehalten
    und meine Wunden machten ihre Schalen zu
    vor kurzem tanzte ich
    in den Augen eines kleines Kindes
    wie eine durchsichtige Wasserfee
    mit den Träumen meiner Jugendzeiten

    dort
    wo ich ihn vergessen hatte ...

  • Auch ohne dich

    ich liebe diese Stadt
    auch wenn Du nicht da bist
    die Lichter dieser Stadt
    diese gelbe Blume, und dieses Grün
    die Eidechse hier, die Taube dort
    alle Insekten
    und den Fluss
    der vor mir langsam vorbei fliesst
    den alten Mann, dort ruhig sitzt
    das Kind
    das auf der Mitte der Strasse
    mit Kreide Bilder malt
    das junge Liebespaar
    das am Fluss sich kuschelt und küsst
    ich liebe den Frühling und die Lieder
    das Leben
    doch alles auch ohne dich....

  • Durch die Seele

    Durch die Seele

    ach mein Leben
    mein Brustgefäss ist die Sehnsucht Kneipe
    Weinmeer
    Blut
    ich bin am Trinken
    von Morgens bis Abends /unaufhörlich

    mein Veilchenäugiger
    ich sage nicht, dass es ohne dich geht
    wenn du es nun ja wüsstest
    wie schmerzhaft es ohne dich ist
    doch will ich
    an einem ruhigen, angenehmen Abend
    unter den Sternen
    die Flaschen zerschlagen
    und mit dir in die Nacht fallen
    die Zeit übertreten

    ohne dich geht es einfach nicht
    ohne sich lieben geht die Liebe nicht
    das sich innerlich
    durch die Seele brennen
    ohne sich anzuzünden
    schmeckt der Wein nicht
    ohne dass wir uns zu betrinken
    ich verstehe das Lied des Regens
    und den Gesang der Vögel nicht
    wenn ich meinen Kopf
    nicht an deine Schultern lehne
    und um sie zu hören

    ich sage nicht, dass es ohne dich geht
    nimm das Glas
    setzt dich und trinke mit mir
    decke deinen Schatten über mich
    mit einem Traum von Feen
    und mit einem nackten Kuss
    mache mir Schutz gegen dem Wind
    begehrlich und besoffen...

    Meral Vurgun

  • Entzünde die Äquinoktien

    Entzünde die Äquinoktien

    Voltigeur

    ich schreie dir mit Weh von gebrochenen, stimmigen Nächten
    das Auge und das Ohr der Nacht sind eine blaue Herzüberschwemmung
    ich bin in der Melodie deiner Seele, in meiner Entfernung
    in deinem Herz der müden Winde Aufregung...

    Meyvan

    die kummervolle Brust der Nachtstille
    ist ein verletzter Kranich
    das Herz weiß von Fliegen nicht
    der Ast bewegt sich nicht, obwohl es weht
    in solchem Augenblick sag ich dir: komm!
    doch du kommst nicht...

    Voltigeur

    Strahl um Strahl bin ich vom Tag zurückgekehrt
    in den Wellen, Locken deiner Haare
    in der Tiefe der Horizonte klopfte ich an deine Tür
    du warst weg
    du warst nicht da
    es blieb nur der Duft deines Parfums
    wie die Rosen duften: auf nachtrosa Schwingen von Schmetterlingen...

    Meyvan

    die Sterne übernachteten in deinen Haaren
    auf deiner Stirn am früher Morgen plapperte der Tau
    in der gebrechlichen Sonnenwende
    am Nachmittag, gegen Abend
    die Düfte, die du gerochen hast, waren die verwelkten Nelken
    und ich träumte von dir wie von einer blauen Wolke
    du warst nicht da...

    Voltigeur

    ich ging, dem Äquinoktium die Farbe zu geben
    mit schmerzenden Händen Alpträume wegzureißen
    die passten in die Nacht nicht hinein
    die passten nirgendwo hinein
    wo du nicht warst
    ich ging, sehr weit ging ich...

    Meyvan

    du wusstest es nicht
    der Sohn von Munzur, du wusstest es nicht
    deine Hände waren der Widerstand von Spartakus
    dein Kopf erhöhte sich zum Berg
    du warst wie Felsen im Diyarbakirturm
    am Wattepflücken, am Tabakpflücken
    zwischen den Zähnen die Räder
    du warst eins, fünf, zehn, hundert, tausend
    du warst Millionen...

    Voltigeur

    ich häute von meiner Haut die Armut
    als unsere Luft und Flüsse beschmutzt wurden
    ich schwamm in allen deinen Meeren
    vom Himmel auf unsere Köpfe rieselte es wie Säure:
    Tabu-Wolkenbrüche - die Identitätssuche
    ohne dich auf allen Strassen
    ich rutschte aus auf meinem eigenen Blut...

    Meyvan

    ich folgte immer deinen Spuren
    selbst durch die undurchlässigen Bergwände
    sie zerrissen mir das rote Kopftuch
    doch sie hatten den Namen zur Sitte ernannt
    kratzten mir deinen Namen aus meinen Händen
    du hast es nicht gesehen
    du hast es nicht sehen können...
    ich durchging alle Strassen mit einem Schritt
    diese Städte waren verloren
    du warst nicht da
    in meiner Morgendämmerung blinkte:
    du warst nicht da...

    Voltigeur

    als ich mich deiner Haut näherte
    in deiner Hängematte schaukelte
    erschreckte mich die Hoffnung
    dass Staub vom September
    sich auf die nebligen Wege lege
    diese Phantasie ärgerte mich

    Meyvan

    wir gingen durch septemberschwarze Wirbelstürme
    wir fischten die Liebe aus unklarem Gewässer
    wir ließen den Mond fallen, wir hatten Sterne gestohlen
    wir brannten zu zweit in einem Leib
    doch blieb ich traumlos
    die Liebe blieb in irgendeinem Jahrhundert
    dessen Sprache ich vergaß, nichts wusste
    von irgendeinem Jahrtausend
    spiegelnd in der Stille
    der wievielte Schmerz legte sich auf
    meine Brust und verbrannte sie
    mein Blut entzündete die Steppen...

    Voltigeur

    ich streckte mich zu deinem Mund
    küsste die Lieder auf deiner Zunge
    im gärenden Schaum des Gewässers
    deckte deine frierenden Träume zu
    ich streichelte mein Gesicht an deinem
    in jedem Winkel, jedem Klima
    wie auch immer ich mich drehte
    hatte ich diese eine Wunde: du warst nicht da...

    Meyvan

    schon wieder ist dein Gesicht in meinem Spiegel
    deine Wimpern streuen Phantasie
    auf meiner Zunge Lieder über dich
    und über mich
    über uns, und über unsere Leute
    unsere Leute, welche wie
    rotglühende Strahlen waren
    kamen mit Halay Tanz, gingen mit Trauerode
    jetzt lass in deinem Herzen einen rebellischen Mohn knospen
    schau! deine Hände wurden in meinen Hände zum nächtlichen Aufleuchten
    mein Wesen mit deinem Wesen
    von Asien bis Afrika
    in den Augen der Kinder werden Ähren gesetzt...

    Voltigeur

    ich erhob für deine verlorenen Hände den Halay Tanz
    entzündete auf unserer Ebene Feuer
    ins Feuer warf ich meine Haut
    ich schaute an die Liebe
    ich schaute in deinen Augapfel
    du warst nicht da...
    die Zivilisation hatte das Halfter in der Hand
    ich putzte alle Festländer und von den Menschen die Farbe
    in der Tragödie gleicher Sprache
    gleichen Blutes/ gleicher Krebsangst
    fror ich im Feuer
    schau, ich friere... du bist immer noch nicht da
    als dein Hauch im Meerbusen des winterkalten Morgens raucht
    hatte ich meine Hände an der Steilküste deiner Träume vergessen

    Meyvan

    du wusstest es nicht
    ich suchte deine Fußspuren auf den Wänden
    auch auf den Schlachtfeldern
    bei der Siegesparade, auf den Schultern der Genossen
    an den verlorenen Grabsteinen
    ich fragte die Zugvögel nach dir
    sie schüttelten ihre Flügel
    ich ärgerte die Meere
    die den Traum zum fallen brachten
    ich ließ, was nur der Felsen Ringelblumen
    was nur schwarzbraune Jünglinge mit hyazinth-farbenen Haarbüscheln blicken
    es regnete immer in das Plateau
    die Flüsse waren schmutzig
    die Jahreszeiten wechselten zum wievielten Frühling
    die Wölfe und Vögel aus dem ganzen Universum spazierten zu zweit
    alle möglichen Käfer, Menschenkinder
    alt, jung, spazierten zu zweit
    nur ich war unfruchtbar, unbebaut
    und du warst nicht da...

    Voltigeur

    ich durchsiebte die Welt
    auf Atlas Rücken
    ich ging, den Bauch aufzuschneiden
    ich ging, um in seine Schultern Spieße zu stecken
    alles sollte neu gesagt sein
    die Spur
    unter einer nicht entzündeten Fackel
    Finsternis
    als die Mitternacht nahte
    heb doch deine Fackel
    an den Kreis unseres Feuer
    an die in der Handfläche entflammenden
    Mähne des Lebens
    an die schönen Tage
    beim Greifen in die Asche unsere Liebe
    zu einer Neugeburt...

    Meyvan

    glaube nicht, dass ich dich vergaß
    und aus meiner Seele fallen ließ
    du weißt es schon, dass ich in deinem Selbst verdorrte
    als du abwesend warst, pflanzte ich nichts
    ich schrieb dein Kommen auf die weißen Flügel von Vögeln
    die Eisberge in meinem Herzen schmolzen
    jetzt, wo du zur Wolke wirst und dich abregnest
    wird unsere Erde mütterlich
    in unsere Berge wird der Frühling kommen
    die Greife werden dir ihre Flügel öffnen
    doch meine Hände sind in deinen Händen
    schau jetzt überall ist rot, grün, Frühling...

    Geschrieben von Meral Vurgun (Meyvan) und Yaşar Doğan
    (Voltigeur)

    Meyvan, Besucherin ode Gästin auf Kurdisch,
    Voligeur, Luftspringer auf Französisch
    Halay, Türkische und Kurdische traditionelle Volkstanz
    Munzur, Gebirge in der türkischer Stadt Tunceli

    Yaşar Doğan lebt seit über 20 Jahren in Frankreich

    Er hat 2 Gedichte Bücher

  • Der verspätete Zug

    Der verspätete Zug

    die Waggons werden sich
    hinter einander an den Bahnhof nähern
    ohne ihre Reihen zu verpassen
    ich werde vielleicht auf den verspäteten Zug
    gegen einem Abend, mit zitternden Händen
    wieder auf dem Bahnsteig warten

    du wirst vielleicht auf dem Bord
    eines von fernsegelnden Schiffen
    mit einem Sturm in deinem Kopf
    mit der ungeschriebenen Geschichte
    einer unendlichen Liebe
    in deinem Herzen kommen
    und wir werden uns mit dir
    wieder Hand in Hand nehmen

    während das Algengeruch in unseren Nasen brennt
    werden unsere Gestalten vielleicht ins Marmarameer fallen
    unsere Hände, wie Möwen frieren
    werden langsam zu einander gleiten
    wir werden mit dir Wellen schlucken
    ohne satt und müde werden
    von Abend bis Morgen...

    Meral Vurgun

  • Spüren

    wir reden mit dir nicht immer
    doch manchmal schweigen wir auch
    unsere Worte bleiben verborgen
    und wenn wir uns in die Augen schauen
    fangen unsere Herzen an zu trommeln
    man hört sie nicht
    auch wenn unsere Stimme zu Lawine werden
    dann vereinen wir uns...

    Meral Vurgun

  • Mutter

    Mutter

    in einem kurzen Augenblick
    tratst du aus einem halben Jahrhundert
    ins nächste halbe Jahrhundert
    von deinem schwarzen Haaransatz
    bis zum grauen war dieses Abenteuer
    jedoch ein atemzuglanges Leben

    du bist wie ein durchsichtiger Krokus, Mutter
    da du zerfällst und umfällst
    zittern meine Lippen wenn ich dich küsse
    meine Träume sind Mienenfelder
    sie werden explodieren wenn ich eintrete
    und meine Arme und Beine werden zerstückelt

    nach der Zeit
    vor der Zeit, über der Zeit
    die Sehnsucht ist wie ein zerfallener Ast
    ohne Blätter
    du ziehst in deinem Kopf einen Traum fressenden
    Alter fressenden, Kopf fressenden Wurm groß
    Ohren auf warte ich
    alle Stimmen werden zu Geschrei
    und fallen auf eisernen Boden
    schweige nicht Mutter

    wenn sie mich lassen, werde ich neben dir sein...

    Meral Vurgun

  • Der Tod

    Feuerberge reihen sich aneinander
    Wolke über Wolke
    meine Mutter läßt den Tod in ihrem Kopf wachsen
    ich kann nicht gehen
    meine Hände sind im Blut

    ich legte die Freundschaftslieder neben einander
    meine kaputte drahtige Gitarre
    los weine doch
    alle meine Hoffnungen hängen an dir

    mein Gesicht schaut nach oben
    Regen tropft auf meine Stirn
    wartend
    auf das Fallen eines Sternes
    plötzlich brennt mein Herz
    strahlend

    das sich nicht treffen heisst auch Tod
    vielleicht sagte ich dir vorher nicht
    solange ich diese Berge nicht umwerfe
    lassen wir es, dass sie meine Hände und Füsse binden
    lassen wir, dass sie mich nicht als lebende annehmen

    meine Mutter gebar mich gegen Nordwind
    sie färbte ihre Hände damals mit Henna
    ihre zehn Finger waren zehn Rosenknospen
    der Schnurrbart meines Vaters duftete nach Tannenbaum
    es war alles einmal...
    das kann nicht wahr sein
    das ist der Tod...

    Meral Vurgun

  • Frühling

    rot-grün ist die Erde und der Himmel
    lauwarm und dunstig
    die Rose ist rot, die Zweige sind grün
    wasser-grün sind die Wälder und die Bäume
    lila sind die Veilchen,
    grün sind die Gräser und Tannen
    Augäpfeln ist die Hoffnung
    die Hoffnung ist pures grün
    und die Liebe ist
    wie ein blühender Zweig
    schwanger...

    Meral Vurgun

  • Der Mond scheint

    Mond scheint

    streichelnd die Flügel von Vögeln
    wir gehen durch die Wolken
    die Sterne riechen nach Nelken
    wir sind uns einander so nah, wie die Sonne
    was heisst?
    der Wein, der du nennst
    die Liebe ist eine Dolde in deinen Augen

    deine Augen sind der Mond
    Fremder, ich sage der Mond
    schau mal, er scheint über uns
    einmal voll und einmal Halbmond
    und wir malen Rosen in die Nacht

    schau in die Hintergründe der Nächte
    die Tyrannen gingen durch unseren Welt
    die Könige sind umgefallen
    manche trinken Blut
    manche kotzen Blut
    ich habe dich tausend Jahre gesucht
    flüchtend von Land zu Land
    ich atmete die Liebe in die Endlosigkeit
    die Grenze der Fernen waren erschrocken
    und die Hoffnung ist grün
    und die Hoffnung ist blau
    und die Hoffnung ist rot
    die Hoffnung wartete auf den Frühling, wie die Erde
    doch deine Haare sind gelb wie die Ähre

    getreidengelb
    ich bin aus einem Erdstück gekommen
    dessen Blut warm ist
    mein Heimatland umarmt das Meer von drei Seiten
    die Töchter meines Heimatlandes weben
    die Liebe zu erst in den Wandteppichen
    sie ziselieren die Blumen an ihren Köpfen fein und zierlich
    deswegen heissen die Geliebten
    entweder Kerem oder Ferhat
    die Kinder werden wie die Judasbaumäste wachsen
    die Herzen von Müttern sind wie die Plateusonne
    immer eine Seite brennt, eine Seite verletzt

    ich bin aus einem Erdstück gekommen
    dessen Blut warm ist
    mein Herz ist wie eine Flamme
    du, stehe zwischen meinem Vor- und Letztwort
    ich werde dich wie mein eigenes Leben lieben
    nimm diesen Fliederduft in dein Brustgefäss hinein...

    Meral Vurgun

  • Verdacht

    Verdacht

    sie behaupten wohl
    dass sie mich gesehen haben
    ich sei wie ein ungezähmter Vagabund
    herum gelaufen
    sogar auch noch barfuss
    von einem Insel zu einem Anderen
    ich solle zu den Istanbulnächten gegangen sein
    um die Sterne zu stählen!...

    Meral Vurgun

  • Brief an meine Mutter 4

    Brief an meine Mutter 4

    Mutter
    heute habe ich die Februarsonne
    auf meinem Kopf genommen
    mir ist es kalt...
    ich habe meine Hände in meiner Brust versteckt
    der Himmel?
    frag mich nichts über ihn
    er steht auf meinem Kopf wie das Junimeer
    und ich sehne mich sehr nach dir

    ich weiss nicht warum
    aber die Abschiedslieder fallen nicht aus meiner Zunge
    ich halte sie zwischen meinen Lippen
    wie die Küsse des Geliebten
    du weisst es doch
    wie ich im solchen Augenblick fluche
    auf alle Mütter und Väter

    ich stehe am Ufer des Rheins
    die Mütter gehen mir vorbei
    vielleicht gibt es etwas in ihrem Herzen wie du es bist
    aber ihre Gesichter ähneln sich dir nicht
    auch nicht ihre Hände
    Mutter, auch nicht der Hena deiner Hände
    vielleicht deswegen
    bin ich ganz allein hier...

    Meral Vurgun

  • Mondfarbe

    Mondfarbe

    suche mich nie
    frage mich nie nach
    ich bin in der Heimat der Raubvögel geboren
    die Liebe ist meine Stiefmutter
    doch deswegen
    bin ich wie der Nachtfalter
    immer wenn ich irgendwo ein Licht sehe
    fliege ich ihm zu
    dann falle ich wertlos
    aus den Augen von Kindern der Liebe

    suche mich nie
    frage mich nie nach
    stelle dir vor
    dass du mich nie gesehen hast
    stelle dir vor
    dass ich in diesem Ort nie war
    und du mir nie den Stirn geküsst hast
    und deine Hände meine Haare nie berührten
    nehmen wir an, dass du geträumt hast
    und gegen dem Meer aufgewacht bist
    und ich, wie ein unbemaltes Bild
    sogar wie das letzte Bild
    am Anfang einer Nacht verloren wurde
    und man hat das Leben, das ich liebe
    an eine Taube gegeben
    landete ich an deinem Fenster
    im Blut bis zu den Knien

    suche mich nie
    frage mich nie nach
    mein Liebling
    der ich wie das Leben geliebt habe
    in diesem Herzen, dass ich bis zum letzten Stück gebraucht habe
    ein paar tropfen Regen versteckt in Wolken
    lassen wir sie auf den Rosen fallen
    in einer Dämmerungszeit
    mache deine Augen auf
    auf eine mondfarbige neue Liebe...

    Meral Vurgun

  • Ihr wusstet nicht

    Ihr wusstet nicht

    Gebt mir alle Gartennelken der Welt in meine Hände!
    In blutrot werde ich wieder lieben.
    Braust, ihr Liebeslieder in meinem Herzen.
    Ich werde in Schwarzträume eintreten und wie Sterne leuchten.

    Ich rufe euch aus der Dunkelheit der Geschichte.
    Meine Liebe ist in „Briefe an den Geliebten“ von Rosa versteckt.
    Die Mutter von Sena aus Libanon weint für sie nicht mehr.
    Ich war nicht tot, aber ihr habt es vermutet.
    Ich hob meinen Kopf aus einem verlorenen Grab in Bolivien hoch.

    Ich war Asli, Kerem ist wegen mir in Flammen geraten
    und aus ihm wurde Asche.
    Ich war Sirin und liess den Ferhat die Berge durchbohren.
    Ich weinte bitterlich und war Vertrauter von Mems und Zinns Liebe...
    Ihr habt es nicht gesehen!... Ich habe mich an Bergen angelehnt.
    Ich hatte ein verrücktes Temperament, war Kameradin von Köroglu.

    Ich war Waffenbruder mit Karayilan.
    Die französische Gewehrkugel konnte keine Wunde tun.
    Ich wurde in Kizildere, in Nurhak erschossen.
    Meine Nägel zogen sie mir in Diyarbakir ab.
    Ich habe geschrien...
    Meine Stimme hat die Mauer der Gefängnisse durchbohrt.

    Ihr wusstet nicht...
    Mit ganzer Helligkeit meines Gesichtes habe ich geliebt,
    unmittelbar, ehrenvoll und rein...

    Meral Vurgun

  • Adressenlos

    Adressenlos

    die Sehnsucht hat keine Adresse
    sie ist überall unter dem Himmel
    in allen Wunden ist die gleiche Verblutung
    vielleicht ist jedes Herz
    selbst in sich deportiert

    Liebling
    vergiss nicht die Nächte
    die in deinen Augen schmerzen

    ich wurde
    aus meinem eigenen Heimatland
    vertrieben
    meine Unterkunft liegt jetzt
    hinter dem Märchenberg
    und ich kann nicht kommen

    ich warte auf dich, wie klares Wasser
    komm du bitte
    die Wege ziehen sich länger
    und längerer...

    Meral Vurgun

  • Platane

    Platane

    beachte nicht, dass sie
    seit tausend Jahren schweigt
    sie sammelt die Schweigsamkeit
    zum kotzen
    sie wird mit grossem Geschrei umfallen
    wenn sie stirbt
    beachte nicht ihre trockene Äste
    sie sammelt Gedichte
    an ihren plätschernden Blättern
    sie wird sie vorlesen, bevor sie stirbt
    dir, mir und uns alle...

    Meral Vurgun

  • Es kann Morgen zu spät sein

    wunderschön ist der Frühling
    im Türkisblau sind die Knospen
    das Rot und Rosarot
    dann das Blau
    auf den grauen Haarlocken sind dir Sterne
    die im Fluss gefallene Lindenbäumeschatten
    und die Farbenwellen
    auf dem Tisch liegen meine Erinnerungen
    neben denen ist mein Herz
    und das umarmende Leben
    ziehen mich zu sich

    schau mal
    diese Vögel bringen uns weisse Wellenrose
    vielleicht ist das Lied für uns
    schliesse deine Augen und hör zu
    geniesse es
    auch wenn es ein Traum ist
    wer weiss
    vielleicht kann es Morgen zu spät sein...

    Meral Vurgun

  • Der Fremder

    Für Ralph (Bonanza)

    du fragst mich nach mir...

    Fermder, hör mir zu
    ich träume die Träume der Jäger
    die Fische aller Flüsse sind tot
    die Rebhühner, dessen Fersen Henna farbig ausgewandert
    auf diesem Gebirge weht ein wilder Wind

    Fremder, weißt du etwas von unser Heimatland?
    in der grünen Pflaumenzeit werden alle Abende zur Liebe kommen
    von allen Waffen wird Blut erbrochen
    doch die Zeit des Lebens

    ich weiß von eurem Mariandel Lied
    und starkste Leid trinkendes Lili Marlleenlied
    aber dich, erkenne ich nicht...

    Fermder,
    willst du mir dein Gedicht vorlesen?

    Meral Vurgun

  • Eine Reisegeschichte

    Eine Reisegeschichte

    wie die schwere Liebe
    gehe ich die brennenden Städte durch
    an meiner rechte Seite sitzt ein fremder Mann
    seine Hände bewegen sich in meinem Herz
    er schweigt in dem er ein mal in mein Gesicht
    ein mal in den blauschwarz gemalten Himmel schaut
    so lange er schweigt, schweige ich auch
    wer weiss
    vielleicht schweigen wir nicht
    vielleicht reden wir wie noch nie
    und uns hört nur der Regen zu
    während er fasst unseren Weg absperrt
    die Liebe ist der Nebel auf unseren Köpfen
    die Liebe ist die Fremde
    die Liebe ist ein Sieg wie die Heimat

    der Mann streckt seine beide Hände von beiden Seiten in den Himmel
    die Wolken spalten sich ab
    die Perspektive
    die sieben Farben
    vor uns ist ein geschnittene Regenbogen
    er ist wie ein Baumkörper von sieben Orten abgesägt
    mir scheint es als wäre er am bluten
    sogar als wäre er blutet in mir
    es zündet sich in mir
    zu Asche gewordene Schweigsamkeit

    und der Februar
    gibt seinen Eigensinn nicht auf
    seine Hoffnung liegt am Frühling ab, wie ich
    er streckt seine Hände, als würde er den Frühling fassen
    er sagt, die Teiche und die Bäche sollen lauschen
    die Osterglocken und die Krokussen sollen blühen
    jetzt sofort ich soll ihre Haare fassen
    fassen und sie auf den allen Bergen streuen

    ich strecke meine Hände
    und langsam fasse die Hände des Fremden
    ab hier sagt er, ist meine Heimatland
    ich sage, ich komme von Fernen
    lächelnd sagt er, nicht aus Universum, sondern aus Istanbul
    ich erinnere mich an die Tauben von Istanbul
    auch gegrillte Fische zwischen Brotscheiben auf der Brücke
    danach an die Schiffssirene
    die Liebe ist der Nebel auf meinem Kopf
    ich liebe sagt das Kind in mir
    ich liebe wie der Regen...

    Meral Vurgun

  • Meine violette Einsamkeit

    eine lautlose Bewegung ist meine Einsamkeit
    sie ist die Welt durch ein Nadelloch zu ziehen
    in mir aufzufüllen bis hin zu meinen Adern
    wie von Sonnenuntergängen zu träumen in den Steppen
    in meinen Ohren rauscht die Sinfonie eines Waldes
    wie das hören der Lieder von Zikaden ist sie
    und die Geschreie hinter einander binden
    die Wehklagen aneinander legen und schweigen
    die Verspätung der Züge, auf die ich gewartet

    die Nacht zu verbrennen in der Flamme eines Herzens
    die fallenden Sterne in den Händen zu halten
    in den Abendnachrichten die Amokläufer und Morde
    an den Streikplätzen das Lied der Arbeit
    und sie ist wie die Liebe,
    die über Gefängnismauern wachsen kann
    den orangenblütenen Freiheitsträumen gleich
    ein überlaufendes Meer in den Träumen der Armut

    das Strahlen in den Augen eines afrikanischen Mädchens
    die bergeweise Anhäufung der vergewaltigten Hoffnungen
    sie ist in den heiligen Büchern die Hände der Götter
    Kassierer und Geldschränke, die jedes Mahl jede Tafel ausbeuten
    von jedem Festland ein anderer Diener, ein anderer Knecht
    ihre Namen sind Engel, ihre Gesichter satanische Paletten
    den Kriegspanzerwagen, den Plünderern und Eroberern gleich
    ist sie wie ein wahnsinniges Massaker, wie plötzlich verliebt zu sein

    die wie ein Schmiedehammer schlagende Wut
    genau in der Mitte dieser lodernden Einsamkeit
    die Stimme von Vater Ruhi, wie klar fliessendes Wasser
    der Kopf von Bedreddin
    die Verbindung von Anatolien
    die Berge von Ferhat
    und tausende Farben meines Heimatslandes
    die grünen Algen des Meeres
    das Spiel der Fische

    meine Einsamkeit ist
    eine wilde Stute durch meine Augen galoppierend
    wenn ich schliefe, blühte sie auf
    wenn ich schliefe, wären alle meine Träume violett...

    Meral Vurgun

  • Der Teufel ist in Qual

    auf der Strassen schleppt sich klebriger Schlamm
    die Werbungstafeln wiehern wie die Pferde
    in dieser Nacht bin ich ein Nichts
    kräuselnd tanzt eine Nutte in meinem Gehirn
    in dieser Nacht bin ich ein Nichts
    und niemals wird geboren der Schlingel in meinem Sinn

    in dieser Nacht ist diese Stadt ein tausend jähriger Tod
    es würde nie bluten auch wenn du ein Messer in ihre Brust steckst
    und wenn du eine Nadel wirfst, dessen Klang dein Trommelfell sprengt
    eine ganz klebrige Dunkelheit
    dreckig wie die Lumpen
    und die Tropfen schlagen das Fenster wie Ohrfeigen
    ach würde es doch Donner
    da würde mein Herz platzen

    in dieser Nacht schlucke ich jedes Wort, das ich ausspucke
    und die Nutte zieht sich aus in meinem Gehirn / nackt
    und die Küsse treten in die Flamme meiner Lippen
    giesst Wasser auf meine Hände
    in meiner Handfläche gibt es kein Veilchen
    in dieser Nacht hatte ich mich aus Feuer geboren
    meine Träume sind nass wie ein Fisch,
    der aus dem Wasser raus geworfen wurde
    und die Strassen, auf denen ich laufe, sind still wie Eis

    in dieser Nacht sind alle Seelen tot
    über meinem Kopf fliegen Eulen
    schamlos vergewaltigt mich der Teufel
    die Götter sind stumm
    ich griff dem Engel an den Haaren
    und zerrte ihn in den Schlamm
    ich kann nie wieder erlöst werden
    das Gedicht dieser Liebe kann niemals geschrieben werden
    der Zarathustra verkauft Limonade auf dem Marktplatz
    er versteckte das Feuer im Herzen des Dichters
    seine Zunge ist stumm und seine Nase ist spitzig
    jetzt prahlt auch sein Schatten

    es war so eine Nacht
    ihr habt aus meinem Blut Scherbett gemacht und getrunken
    Erinnerungen, erinnert ihr euch
    ich hatte nie vergessen, dass ihr meine Götter ermordet habt
    in dieser Nacht bin ich ein Nichts
    aber ihr seid
    stürmisch vorbei...

    Meral Vurgun

  • Wir starben

    es war gegen Mittag
    eine versunkene zögerte Zeit
    wir streckten uns zu den Feldern aus
    es war überall Kristall blau
    als ich dein Angesicht schaute, wurde ich zur Taube
    deine Arme umklammerten meine Flügel
    es könnte regnen
    aber es war Frühling

    es war Frühling
    doch ich schrieb September
    auf die letzte Seite meines Heftes
    alle Farben waren gelblich
    auch die Flügel von Vögeln waren gelb
    wenn ich sie berühren könnte
    schlüge sich deine Haare nach rotem
    wenn ich dich anfassen könnte, du würdest mir die Hände
    du würdest mir die Augen
    aber alle Farben waren gelb

    es war gegen Mittag
    wir sagten
    wenn die Gewässer zu fliessen aufhören würden
    könnten wir uns waschen
    unsere Augen schauten durch den Dreck des Jahrhunderts
    irgendwo kämpften jedoch manche Leute
    sich lieben war auch im Blut
    wir möchten weinen
    aber die Tränen waren auch im Blut
    es war gegen Mittag
    und wir starben...

    Meral Vurgun

  • Zwei besoffene Kinder

    wir werden mit dir nie Erwachsen
    schau mal, es bleibt immer halb gelebt
    die wir Liebe nennen
    doch das Leben ist drei Schritte weg
    ein Fuss von uns seie auf dem Mond
    der andere steckt sich in die Erde

    wir werden mit dir nie Erwachsen
    du wirst mit deiner kurz beinigen Hosen kommen
    ich mit meine roten Schuhe und blaue Kordel
    wir fangen aus dem Nichts ein Streit an
    weil du das Nachbarmädchen Meli geküsst hast
    ich werde mich ärgern und eifersüchtig sein
    du wirst deine Bleisoldaten über mein Stoffpupen führen
    als meine Tote sich auf die Strassen legen
    wir werden wie grosse Länder wieder Frieden abschliessen

    wir werden mit dir nie Erwachsen
    wir werden mit dir Mann und Frau spielen
    und wir kriegen eine Tochter
    ihren Namen nennen wir September, damit sie wiederständerisch wird
    wir brauchen keine Zeugenschaft von Imam und Paps
    das ist nur Sprache der Liebe
    wie die Freiheit vonZugvögeln

    wir werden mit dir nie Erwachsen
    wir werden unsere Dichterherzen auf einen Kneipentisch legen
    und in die Tiefe der Gedichteozeans tauchen
    du wirst dein Bier zu deinem Mund lehnen
    wie du an der Spitze meiner Lippen küsst
    ich werde meinen Wein
    aus deiner Egetrabuben Augen schlucken

    wir zwei besoffene Kinder
    ohne Blut und ohne Hass
    zwei glucksende Herzen
    lass uns, mit dir nie Erwachsen werden...

    Meral Vurgun

  • Das Leben und die Liebe

    du liessest Abende
    in deiner fernen Vergangenheit
    in deinen Ästen waren Liebesfrüchte
    du vergassest nie die Liebe und das Leben
    das Denken ans Glück
    war eine andere Sache als das Leben
    das Träumen war für dich
    wie das Sternezählen mit den Fingern
    doch das war die Liebe
    die Liebe und das Leben

    die Liebe
    bedeutet für dich
    eine zierliche und feine Arbeit mit Stirnschweiss
    wie das Umlaufen der Welt, vom Anfang bis zum Ende
    auch hungrig einschlafen mit den Verhungernden der Welt
    und mit ihnen satt aufwachen

    die Liebe bedeutet für dich das Ertrinken
    im Ozean schwarzbrauner Augen
    und die Sprache der ganzen Welt
    wie das Liedersingen in der Muttersprache
    wie langsam die Treppenstufen hinauflaufen
    noch die Kettenspuren an den Handgelenken
    wie ein Dolch
    der in die Mitte des Brustgefässes gesteckt ist
    wie ein Stempel
    den man auf seiner Stirn lebenslang tragen muss
    wie das Teilen eines frisch gebackenen Brotes
    doch die Liebe ist das Fundament des Lebens

    hast du ein einziges Mal
    zwei Berge zu einander laufen gesehen
    zum Beispiel, wie dein Kommen zu mir
    doch die Liebe ist
    das sich Treffen und wieder Verabschieden
    wie die Menschheit, wie die Freiheit
    wie die Erde, wie das Wasser und die Erdkugel
    wie die Hitze des Feuerausbruchs
    die Liebe ist
    sich mit einander fest verklammern...

    Meral Vurgun

  • der letzte Schuss 5

    Anu, du sagst mir, gib auf
    schon jetzt steckst du deine Klauen in mein Fleisch
    während ich unter deinen Füssen zerdrückt werde
    du schaust von Oben und lachst über meinen Kummer
    nun willst du,
    dass ich mein Herz aus seinem Platz reisse,
    es in die Tiefe eines Abgrunds werfe
    und brüllend sterbe

    Anu, diese Trottoirsteine
    und diese Betonhaufen die mich pressen
    ziehen meine Adern, um mein Blut zu trinken
    die Worte suchend, die ich in den staubigen Seiten
    eines gelesenen Buches verloren habe
    betrunken verfalle ich vor einer Wand
    die Silben kleben an meiner Zunge
    schleppend gehe ich die Strassen durch

    erinnerst du dich
    es war eine Herbstnacht
    du breitetest deine ganze Schönheit
    und lagst auf meinem Kissen /sehr lang
    in ein paar Schmerzenstränen
    sagten wir
    jetzt ist die Zeit
    exakt Liebeszeit
    es war Traum Anu
    jetzt sagst du mir, falle
    falle wie eine unreife Frucht von dem Ast des Lebens

    es dämmert
    die Sonne wird gleich mit dem letzten Schuss
    die Schale von den Sternen brechen
    ich kann liegen bleiben
    vierzig Tage und vierzig Nächte
    wenn ich sterben muss
    im Brustgefäss einer melancholischen Einsamkeit
    weck mich nie auf
    ziehe den Schleier meiner Augen nicht auf
    die letzten Küsse sollen beim Teufel bleiben
    spann mich nicht wie die Violinbogen
    wenn die Arbeit des Herzen, die Liebe ist
    schau an, meine linke Seite ist doch ein Schatz
    wie die Juliwärme und der Septemberwind
    zur Zeit bereuen viele
    und ich gehe zu neuen Vorkommnissen
    ich gehe jetzt
    tschüs Anu...

    Meral Vurgun

    Ende der Serie

    Anu ist der Himmelgott in Sumer

  • Wie die Albatrosse

    Geliebter, die Liebe ist rote Tulpe
    bei jedem Kuss siebt sie aus ihren Lippen ein violettes Geschrei
    deine Hände fallen mir in den Sinn, wie der Tau auf der seidigen Haut
    so vieles sagen mir deine Berührungen
    ich umarme deine Stimme wie der Erdkugel
    in deiner Haare sind vergoldete Silberfaden
    ich laufe und laufe... der Regenbogen geht nicht zu Ende

    deine Hände sprechen mit mir
    warum sind die Strassen alle blau, die ich mich mit dir tauche?
    meine Einsamkeit ist ein schreckliches Vervollständigen
    immer wenn du gehst, bleibe ich vom violetten Geschrei schwanger
    in meiner Hände sind die gewelkte Flieder, ich träume vom tote Bildern
    zwischen den zwei nicht zu einander kommenden Bergen baute ich mir ein Nest
    Morgen und Abend zünde ich auf meiner Brüste Feuer
    so rot schauen die Mohne mir ans Gesicht
    ich sterbe immer, je mehr das Leben wächst

    Blick für Blick vermisse ich dich
    die Ähre deiner Haare, deine Mondhaut
    ich geheime meine Heimat ins Innenland der Liebe
    der Himmel giesst Basilienkraut
    ich trinke jeden Frühmorgen Kummer
    Geliebter, ich bin jeden Tag besoffen
    öffne deine Arme wie die Albatrosse
    es ist das Mittelmeer, was ich aus deinen Augen trinke...

    Meral Vurgun

  • wie die Sonne

    wie die Sonne

    komm zu mir
    wie die Sonne
    strahlend hell
    und warm
    doch ohne dich
    ist es im Juli auch kalt...

    Meral Vurgun

  • Getreidezeit

    ich habe von dir geträumt
    heute Morgen ist die Welt glänzend
    die Sonne strahlt wie dein Gesicht
    die Flügel von Vögeln sind silbrig
    ich denke an dich /Traum
    du wie die Vögel, wie Holztaube
    heute Morgen ist Alles grün
    auch etwas rosarot / wie deine Lippen
    heute Morgen sind alle Farben fein
    wie deine Hände

    deine Hände sind eine Gartennelke
    in den Nachbarhäusern ist eine Unruhe
    vielleicht jetzt
    kämmt ein Mädchen ihre Haare
    in sich ist die grosse Leidenschaft
    der kleineren Frauen
    im Spiegel sind ein paar Augen
    vielleicht sind sie ein blaues Meer, wie deine
    vielleicht tragen sie alle Farben der Welt in sich
    wer weiss, vielleicht sind sie Kaffeeschwarz
    eine stille Nacht, wie ich

    ich habe von dir geträumt
    deine Haare sind Sternfeuer
    doch mein Herz ist ein Buchfink
    in meiner Zunge ist ein Lied
    und jetzt ist die Getreidezeit...

    Meral Vurgun

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